Wir bewohnen das älteste Gebäude auf dem Gelände von Ghaub Nature Reserve & Farm, es stammt aus dem Jahr 1895. Es ist ein schönes, altes Gebäude, gut erhalten, mit hohen Decken, dicken Mauern, alten Fenstern und Türen. Aber natürlich modernisiert mit einem modernen Bad, Kühlschrank und was man so braucht.
Aber leider ist die Nacht ziemlich kalt hier. Das liegt vor allem an der Jahreszeit, denn es ist beginnender Winter, und so richtig klar wird uns das erst jetzt auf unserer Reise durch Namibia. Außerdem haben wir etwas Pech, denn aktuell herrscht hier eine Kältewelle, und in der nächsten Woche wird es wieder deutlich wärmer sein. Gestern Abend bei unserer Ankunft waren es 19 Grad, und heute früh liegt die Temperatur gefühlt bei nicht viel über Null. Ghaub liegt auf einer Ebene 1400 Meter hoch mitten in den Otavi-Bergen, die bis auf 2000 Meter hinauf reichen.
Wir stellen ebenfalls zum ersten Mal auf unserer Reise fest, dass wir bisher keine Heizung in unseren Unterkünften hatten, auch hier nicht. Eine Klimaanlage gibt er hier übrigens auch nicht. Entsprechend frisch verlief die Nacht, aber mit Socken, Leggings, zusätzlichem Pullover und zusätzlicher Decke war es dann doch kuschelig warm im Bett.
Annette ist wie immer früh auf, genießt das wirklich heiße Wasser, das es hier reichlich gibt, und macht ein paar Fotos unserer Unterkunft und ihrer Umgebung. Ein sehr schönes Moskitonetz haben wir hier, bei dem das Netz nicht ständig an der Nasenspitze streift, wenn man es nicht richtig gespannt hat.








Das Schöne an der nächtlichen und morgendlichen Kälte ist, dass wir auch wirklich alle Kleidung, die wir mühevoll ohne Aufgabegepäck mitgeschleppt haben, verwenden können. Mit Unterhemd, T-Shirt, Pullover, Hoodie und Regenjacke bekleidet laufen wir die ca. 100 Meter bis zum Restaurant, wo es das sehr reichhaltige Frühstück gibt. Das Personal erwartet und mit Pudelmütze und Handschuhen, denn auch dort gibt es keine Heizung. Beim Abendessen brannte ein Feuer im Kamin, aber das ist jetzt aus.
Wir beschließen, auf die angebotene Rhino-Tour zu verzichten und heute einen ruhigen Tag mit Wandern und Faulenzen zu verbringen.
Die Geschichte von Ghaub begann 1895, als rheinische Missionare hier eine Schule, eine Kirche und andere Gebäude erstellten, u.a. auch das, in der wir gerade wohnen. Kirche und Schule gibt es nicht mehr. Die Missionare kauften Land dazu und begannen mit Landwirtschaft, Ackerbau und Rinderzucht, denn in dieser Gegend gibt es reichlich Wasser und entsprechend grün ist die Umgebung. Ghaub liegt wie gesagt in den Otavi Bergen, und der Untergrund besteht aus verkarstetem Kalkstein, der von vielen unterirdischen Hohlräumen und Höhlen durchzogen ist. Dort sammelt sich viel Wasser, das durch Druck als artesischer Brunnen an die Oberfläche drängt und für die Bewässerung in der Trockenzeit, die es auch hier gibt, genutzt werden kann. Dadurch gibt es hier die drittgrößte Tropfsteinhöhle Namibias.
Ghaub war Schauplatz des ersten Weltkrieges, der 1915 auch hier zwischen deutscher Schutztruppe und südafrikanischer Armee tobte. Die Landwirtschaft ging weiter, wurde irgendwann von der Nachbarfarm übernommen und in den 1980er Jahren verfiel die Anlage.
Heute sind alle Gebäude wieder instand gesetzt, wurden erweitert und für den Gästebetrieb genutzt. Auf 192km², also knapp einem Viertel der Fläche Berlins, gibt es heute wieder Ackerbau, Rinderzucht und vor allem ein großes WiIdgehege, in dem die vom Aussterben bedrohten Breitmaulnashörner, aber auch Giraffen, Zebras und Antilopen gehalten werden. Ghaub arbeitet dafür mit One Namibia zusammen, einer Organisation, die sich dem nachhaltigen Naturschutz im Land verschrieben hat.


Die Farm liegt mitten im sogenannten Maisdreick, einer sehr fruchtbaren Gegend zwischen Tsumeb und Otavi, in der viele Betriebe ähnlich wie Ghaub Mais und andere Bodenfrüchte anbauen. Wir sind gestern auch an ein paar Maisfeldern vorbei gekommen.
Unseren ruhigen Tag beginnen wir nach dem Frühstück mit Blog schreiben und Wäsche waschen. Nach dem wir an den letzten zwei Unterkünften kein Internet hatten, geht es hier diesbezüglich richtig zur Sache. Allerdings nur in einem kleinen Bereich an der Rezeption. Weil es dort keine Sitzgelegenheit gibt, hilft ein Trick. Das Handy mit WLAN Verbindung wird geschickt an einer Palme platziert und ein Hospot geöffnet. Der Hotspot reicht dann bis in den Garten, wo wir dann durch diesen Trick 17 in der Morgensonne sitzen und die vorbereiteten Texte und Bilder der letzten Tage hochladen können.

Jetzt aber los zu unserer Wanderung über das weitläufige Gelände von Ghaub. Wir laufen zunächst über die große Wiese zum Pool. Der ist jetzt natürlich zu kalt zum Schwimmen, aber im Sommer scheint es hier doch ziemlich warm zu werden angesichts der Liegestühle hier.




In der Nähe des Pools gibt es ein künstliches Wasserloch im abgezäunten Widgehege mit einem Unterstand in der Nähe. Leider sind keine Tiere in Sichtweite, aber wir beschließen, es später noch einmal hier zu versuchen.


Wir machen uns nun auf den Weg durch ein Gatter, das wir zunächst gar nicht bemerken, und beginnen unsere Wanderung durch das Wildgehege. Als erstes kommen wir an der kleinen Camp Site vorbei, an der aber zurzeit niemand übernachtet.


Ein Feldweg führt durch die schöne und grüne Landschaft. Wir sind nach zwei Wochen karger und teilweise sehr wüster Landschaft erstaunt über das üppige Grün, das es hier im Überfluss gibt, und das, obwohl wir vielleicht nur 300 Kilometer Luftlinie vom wüstenähnlichen Petrified Forest Rest Camp entfernt sind. Namibia ist wirklich ein Land mit sehr großer Vielfalt an Landschaften!
Wir treffen Bäume, die gerade auszutreiben scheinen, obwohl es beginnender Winter ist. Dieser Baum hier wehrt sich mit drei Zentimeter langen Stacheln gegen Fressfeinde, und Michael tritt sich einen dieser Stacheln durch die Schuhsohle ein. Es piekst ganz schön von unten am Zeh!


Ein Schild unterrichtet über das Programm zum Schutz der Breitmaulnashörner hier. Das Horn wird in bestimmten Gegenden Asiens als Wundermittel angesehen, obwohl es aus dem gleichen Material besteht wie Haare oder Fingernägel. Es ist dort aber teurer als Gold, und viele Nashörner werden deshalb immer noch gewildert und getötet und sind vom Aussterben bedroht. Ghaub und andere schützen die Nashörner mit fest angestellten Guards, die mit Gewehr ausgestattet die Tiere rund um die Uhr beschützen.
Und tatsächlich, keine zwanzig Meter vom Weg entfernt liegen drei riesige Nashörner in der Sonne und dösen. Wir hätten sie erst gar nicht erkannt, wenn wir nicht die wackelnden Ohren gesehen hätten. Uns ist schon etwas mulmig, den Tieren so nahe zu sein, ohne Zaun oder irgendwas. Sie lassen sich aber überhaupt nicht stören von uns, obwohl sie uns bestimmt wahrgenommen haben. Wir bleiben einen Moment fasziniert stehen!
In Ghaub gibt es elf Breitmaulnashörner, davon ein ganz junges Tier von zwei Monaten, und ein trächtiges Weibchen, sodass es bald zwölf Nashörner sein werden. Eine wichtige Arbeit, die hier geleistet wird!




Andere Tiere hinterlassen auch ihre Spuren. Wir treffen auf viele Erdlöcher, die vermutlich von Warzenschweinen gegraben wurden. Die Schweine sehen wir zahlreich, aber sie sind etwas scheu und schnell. Kein Foto von ihnen, schade. Aber die Löcher sind sehr geduldig mit unserem Handy.


Dann erreichen wir den alten Friedhof, der von hohen Kakteen bewachsen ist, eine irgendwie unwirklich erscheinende Kombination. Wir sehen viele Gräber, einige mit deutschen Namen von Verwaltern der Landwirtschaft oder Missionaren, alle in weißem Marmor eingefasst. Zwei deutsche Soldaten sind auch dabei, die hier im ersten Weltkrieg getötet wurden. Und dann sind da noch viele Gräber ohne Grabstein. Wir vermuten, dass es sich dabei vielleicht um einheimische Farmarbeiter handelt. Aber mindestens ein afrikanischer Name steht auf einem der Grabsteine.






Im weiteren Verlauf unseres Rundweges treffen wir auf Springböcke, die ihrem Namen alle Ehre machen und schnell im Gebüsch verschwinden. Wir sehen Hinterlassenschaften offensichtlich größerer Tiere, vielleicht der Nashörner? Eine Wasserstelle ist auch dabei, anscheinend gespeist aus einem der artesischen Brunnen, sowie ein Wasserloch.






Wir treffen dann auf die Überreste eines toten Tieres, anscheinend einer Antilope mit Hörnern, die schon eine ganze Weile hier liegen. Es sind nur noch Knochen übrig und die zu Leder gewordene Haut. Die Knochen sind etwas verstreut, vielleicht von anderen Tieren, vielleicht von den Warzenschweinen? Ein etwas unheimlicher Anblick. Wir fragen uns, warum niemand den Kadaver weggeräumt hat.


Ein Abstecher führt uns zu einer prähistorischen Gravur eines Elefanten. Zunächst suchen wir die Gravur, bis wir dann eindeutige Hinweise darauf entdecken. Jemand hat die Gravur mit kleinen Steinen eingerahmt und sogar einen Sitzstein davor platziert, um das Fotografieren möglichst bequem zu gestalten. Die Steinformation, in der die Gravur liegt, sieht ihrerseits wie ein großer Elefant aus. Die Luft ist inzwischen angenehm warm geworden, bestimmt über 20 Grad, und unsere Zwiebelkleidung wird nach und nach abgelegt und wir können uns im T-Shirt aufhalten.



Auf den anschließenden Sandstrecke entdecken wir viele Tierspuren im weichen Sand. Was könnten das für Tiere gewesen sein, die hier lang gelaufen sind? Sind das Nashornspuren? Große Paarhufer scheinen auch unterwegs gewesen zu sein.




Wir treten langsam den letzten Teil unseres Rundweges an. Viele Schmetterlinge gibt es hier, von denen die meisten zu schnell sind für ein Foto, aber einer ist sehr geduldig mit uns. Wir sehen große, gemauerte Wasserbehälter und eine Solaranlage, und haben dann auch schon wieder das Farmhaus erreicht. Die App komoot war immer dabei und hat die Wanderung aufgezeichnet: insgesamt 8,2 Kilometer!





Jetzt sind wir aber doch etwas müde geworden und entspannen uns auf der Terrasse mit einem kleinen Imbiss. Ein neugieriges Hörnchen kommt vorbei und wir können der Versuchung nicht widerstehen, dem possierlichen Tierchen etwas zu futtern zu geben. Natürlich hat das Hörnchen eine große Familie, und so sind wir bald umringt von ihnen. Sie mögen alles, was bei uns so übrig ist, von der Brotscheibe über die Salami bis zum Deckel der Butterdose, der genussvoll abgeleckt wird.




Abends gehen wir nochmal los zum Wasserloch am Swimming Pool. Etwas Blog schreiben, etwas die Sonne genießen und hoffen, dass vielleicht Tiere kommen. Aus dem Unterstand schnappen wir uns zwei Stühle und setzen uns direkt an den Zaun zum Wasserloch in die Sonne.


Tiere kommen erst einmal nicht, dafür einer der Nashorn-Guards, mit Gewehr auf dem Rücken. Er teilt uns mit, dass die Nashörner bald zum Wasserloch kommen werden. Wir bedanken uns bei ihm für seine wichtige Arbeit, und er freut sich.
Ziemlich enthusiastisch beschließen wir, noch eine Weile auf unseren Stühlen auszuharren, obwohl es schon deutlich kühler geworden ist und wir die Stühle öfters verschieben müssen, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen.
Wir wollen schon fast aufgeben, als die Nashörner doch noch kommen. Ein sehr schöner Anblick, wie sich diese massigen Tiere bewegen, mit einer Ruhe und Gelassenheit, wie wir es schon bei den Elefanten in der Wüste gesehen haben. Sie trinken kurz am Wasserloch, fressen etwas und entfernen sich langsam wieder. Wunderschön!


Glücklich und zufrieden gehen wir zurück zum Haus und sehen, dass es jetzt voll von der Abendsonne beschienen wird. Ein herrlicher Anblick!

Der Tag beschließt sich langsam, und nach dem Abendessen im Restaurant geht es zeitig und dick eingepackt ins Bett.