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  • Ferne Entdecken – Reiseblog für individuelle Abenteuer

    Canyon mit steinernem Finger – Tag 12

    Eigentlich hatte sich Michael vorgenommen, heute früh um 5 Uhr vor die Tür zu gehen, um den sternenklaren Himmel Namibias zu bewundern und die Milchstraße schimmern zu sehen. Naja, er war zu der Zeit kurz wach, aber die warme Bettdecke dann doch attraktiver als die kalte Wüstennacht.

    Heute früh war es wirklich recht kalt. Wir haben hier regelmäßig um die zwanzig Grad Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht, also einen Wechsel zwischen knapp über 30 Grad und knapp über 10 Grad. 

    Um 7:30 Uhr zum Frühstück kamen wir dann dementsprechend warm angezogen und genießen wieder unsere erste Mahlzeit des Tages.

    Wir packen und bereiten uns darauf vor,  das Petrified Forest Rest Camp zu verlassen. Heute haben wir rund 200km auf dem Plan Richtung Etosha Nationalpark.

    Beim Bezahlen tragen wir uns ins Gästebuch ein und kommen mit der Gastgeberin ins Gespräch. Man merkt, dass sie sehr stolz darauf ist, was sie alles geschaffen haben, und das zurecht, denken wir. Vor 14 Jahren gab es dort nichts, und sie und ihr Mann schliefen in Zelten, als sie ihre kleine Werkstatt eröffneten. Sie haben großflächig Land gekauft, zeigt sie mit einer weitläufigen Armbewegung, wir schätzen mehrere Hektar. Land will keiner haben, erzählt sie. Schritt für Schritt haben sie ihr Geschäft aufgebaut, ein Café eröffnet und wurden am Anfang verlacht, inzwischen aber bewundert von den Mitmenschen. Jetzt soll die Erweiterung um zwei neue Bungalows kommen. Wir merken, dass wir insgesamt auf einer Wellenlänge sind, und verabschieden uns herzlich.

    Es geht los Richtung Khorixas, das wir nach 22km erreichen. Aus der Ferne ist das Dorf zu erkennen, und wir freuen uns sehr über die gut geteerte Straße, die uns bis Etosha (fast) nicht mehr verlassen wird. Wir legen einen Tankstopp ein und sehen einen Karren, der von Eseln gezogen wird. Es ist Samstag, und wir sehen viele festlich gekleidete Menschen, teilweise in schwarzer Kleidung. Von der Tankwartin erfahren wir, dass heute gleich drei Beerdigungen stattfinden, kein schöner Anlass.

    Da die nette Tankwartin unsere Front- und Seitenscheiben samt Außenspiegeln geputzt und poliert und sich dafür natürlich ein gutes Trinkgeld verdient hat, geht es auf der glatt asphaltierten Straße schnell voran. Tempo 100+ km/h ist angesagt bei erlaubten 120 km/h, die wir allerdings dann doch nicht ganz erreichen wollen. Unterwegs steht eine Herde Kühe direkt neben der Straße und grast friedlich vor sich hin. Sie lassen sich von unserem Auto überhaupt nicht stören. Als wir anhalten zum Fotografieren, schauen sie kurz hoch mit diesem typischen Schon-wieder-diese-Touristen-Blick.

    Neben der Straße entdecken wir vereinzelt kleine Hügel von brauner oder hellgrauer Farbe, vielleicht ein bis zwei Meter hoch, manche auch höher, und von der Form wie ein oben abgeflachter Kegel. Wir denken zunächst an Felsen, aber so viele davon und alle von ähnlicher Form? In ein paar Kilometern müssen wir rechts abbiegen zu unserem Zwischenziel, den Ugab-Terrassen, und glücklicherweise stehen hier auch zwei gut erreichbare Exemplare dieser Hügel. Wir untersuchen sie aus der Nähe und haben den Verdacht, dass es sich um verlassene Termitenhügel handeln könnten. Sie bestehen aus dem gleichen sandigen Material wie die Umgebung, aber der Baustoff ist fest, fast wie Stein, irgendwie zusammengeklebt worden. Überall gibt es Löcher und Eingänge von außen, die in das verborgene Innere führen. Geheimnisvoll!

    Wir fahren nun 12 Kilometer auf einer Neben-Schotterstraße, die in keinem besonders guten Zustand ist. Auf beiden Seiten der Straße erhebt sich eine felsige Abbruchkante, von der das umliegende Plateau jäh nach unten abbricht, hinunter in das Tal des Ugab, in dem wir nun entlang fahren. Der Ugab ist ein alter Bekannter, wir hatten diesen Trockenfluss bereits zweimal überquert, einmal bei unserer Elefantentour und beim zweiten Mal bequem auf einer Brücke auf der Fahrt ins Damaraland. Nun wollen wir uns anschauen, was der Ugab hier erschaffen hat.

    Nach einer Weile erreichen wir ein Schild „Vingerklip“ und biegen hier ein. Wir zahlen ein kleines Eintrittsgeld (und natürlich etwas Trinkgeld für das Öffnen des Tores) und biegen rechts ab zum Vingerklip. Geradeaus geht es zur luxuriösen Vingerklip-Lodge, die uns aber nicht interessiert. Am Wegesrand machen wir ein Detailfoto des überall wachsenden Grases, das hier besonders viele Samen mit weißen Flugorganen verstreut hat.

    Die Fahrspur (Straße kann man nicht mehr sagen) wird nun wirklich abenteuerlich, und wir danken abermals dem Geschick der thailändischen und japanischen Ingenieure, die unseren Toyota Fortuner konstruiert haben. Teilweise geht es nur im Schritttempo voran, so unwegsam ist die Fahrstrecke. Wir stellen unser unverwüstliches Fahrzeug auf dem ersten Parkplatz ab, die Fahrt zum nicht weit entfernten zweiten Parkplatz schenken wir uns und gehen lieber weiter zu Fuß. Interessanterweise ist die Strecke erst ab hier mit „4×4 only“ gekennzeichnet…

    Wir haben jetzt einen sehr schönen Blick auf das Ziel unserer kurzen Wanderung, und das Aussehen des schlanken, hohen Felsens erklärt sofort seinen Namen „Vingerklip“, er ist halt fingerförmig. Wir schießen vom Aufstieg ein paar Fotos auf diesen Solitär, der ca. 35 Meter hoch ist und erst 1970 zum ersten Mal bestiegen wurde. 

    Natürlich besteigen wir heute nicht den Vingerklip, sondern begnügen uns mit einer Inspektion des kleinen Plateaus, auf dem er steht. Es beschleicht uns der Gedanke, dass es schon ein wirklich dummer Zufall sein müsste, wenn das Ding ausgerechnet heute umkippen würde. Aber wir haben Glück.

    Vor hier oben, ca. 40 Meter über dem Grund, hat man einen sehr weiten Blick und wir können das ganze Tal überblicken. Wir stehen in der Mitte eines Canyons, den der Ugab hier seit 2 Millionen Jahren auf einer Länge von 80 Kilometern gegraben hat. Die Abbruchkante ist bis zu 160 Meter hoch. Es ist sicherlich nicht der Grand Canyon, aber dafür haben wir die grandiose Aussicht ganz für uns alleine, denn sonst ist kein Mensch weit und breit zu sehen oder zu hören. Vielleicht abgesehen von der Vingerklip Lodge in einiger Entfernung. Diese Stille, kombiniert mit dieser Aussicht, ist wirklich sehr, sehr beeindruckend. Leider kann man auf den Fotos nur einen kleinen Eindruck davon vermitteln.

    Nach ein paar Minuten kommen doch noch zwei Autos auf den Parkplatz weit unter uns gefahren, und wir beschließen, den Rückweg anzutreten, bevor die anderen Leute diesen Platz erreicht haben.

    Am Auto angekommen, muss das Fahrzeug-Heck erst einmal vom Staub der Namib-Wüste der letzten Tage befreit werden, bevor wir in bewährter Manier auf dem Kofferraumboden sitzend den Imbiss genießen können, den unsere Kühltasche so hergibt.

    Zurück über die Hoppelstrecke auf die geteerte Luxusstraße geht es weiter. Kilometerweit geradeaus, nur ab und zu eine leichte Kurve. Michael vertreibt sich die Zeit damit, die Entfernungen zwischen zwei Kurven am Kilometerzähler abzulesen, und er kommt auf eine maximale schnurgerade Strecke von 10 Kilometern. Vielleicht nicht ganz Australien, wie unsere Mitbewohner im Petrified Forest Rest Camp gestern berichteten, aber immerhin.

    Wir bekommen Nachtisch Hunger, sehen ein Hinweisschild auf einen Rastplatz und machen eine Pause bei leckerem Früchtekuchen. Der Baum wird von Webervögeln mit ihren Nestern bewohnt, wobei es sich anscheinend um eine andere Art handelt als die, die wir bei Windhoek mit ihren Riesennestern gesehen hatten. Diese Nester hier sind wesentlich kleiner, nur Einfamilienhäuser statt Mehrfamilienhäuser, aber dafür ebenso kunstvoll gearbeitet. 

    Auf dem Hinweisschild ist ein Baum abgebildet, und dieser Rastplatz hat auch einen. Das ist nicht selbstverständlich, denn in der Wüste sahen wir viele Rastplätze ohne Bäume, aber ohne extra dafür angepasstes Hinweisschild.

    Es ist also schon wesentlich grüner geworden. Wir kommen an einer kleinen Plantage mit Zitrus-Bäumen vorbei, es können Orangen oder Mandarinen sein. Außerdem passieren wir eine Herde Strauße, die sich willig fotografieren lassen. Uns fällt auf, dass die Tiere hinter einem Zaun stehen, denn offensichtlich leben sie auf einer sogenannten Game-Farm, von denen es hier so einige links und rechts der Straße gibt. Wir wir gelernt haben, handelt es sich bei den Game-Farmen um eingezäunte, sehr große Flächen mit Wildtieren, sie aber wegen des Zauns dort nicht entweichen können. Ob die Tiere nur zum Vergnügen der Gäste gehalten werden oder von diesen auch gejagt werden dürfen, wissen wir nicht.

    Irgendwann kommen wir an eine Kreuzung und biegen links ab. Abgesehen vom Abstecher zum Canyon der Ugab-Terrassen sind wir seit unserer Abfahrt heute früh nur geradeaus gefahren. Also von einem Quartier zum nächsten heißt es heute: immer geradeaus, links abbiegen, weiter geradeaus, und ihr seid nach 200km da. Eigentlich bräuchte man in Namibia kein Navi. Unterwegs hat man über weite Strecken kein Internet und damit auch keine zuverlässige Online-Karte. Daher wäre es besser gewesen, wenn wir uns zu Hause eine gute Offline-Karte heruntergeladen hätten. Es geht zur Not auch so, aber komfortabler wäre es schon.

    Hier noch ein Warnschild mit einem neuen Tier. Scheint ein Warzenschwein zu sein. Gesehen haben wir allerdings keine.

    Achtzig Kilometer nach dem Abbiegen haben wir unser neues Quartier, das Etosha Safari Camp, erreicht. Dies ist eine etwas größere Anlage mit Platz für etwa 50 Gäste, verteilt über eine Anzahl von massiven Bungalows, die alle recht weit auseinander stehen, sodass sich die Gäste nicht ins Gehege kommen. Unser Auto kann direkt am Haus parken, das ist praktisch.

    Der Bungalow verfügt über insgesamt 4 Betten, 2×2 übereinander, aber wir beschließen, das Klettern zu vermeiden und schlafen unten. Es gibt ein knallgelbes Moskitonetz im Bad, und weil es hier ein gewisses Malaria-Risiko gibt, entscheiden wir, zusätzlich zu Mückenspray am Körper und Ausräuchern des Raums mit Insektizid am Abend das Moskitonetz aufzubauen. Annette ist da wesentlich geschickter als Michael, denn auf Michaels Seite hängt das Netz ziemlich auf halb acht, und im Geiste sieht er schon die Mücken an der Wand sitzen und sich totlachen. Was ja auch eine Art Mückenschutz wäre. Annette hilft aber, und bald ist das Bett samt Moskitonetz bezugsfertig.

    Das Bad hat übrigens eine sehr interessante Dusche, passend zu der Umgebung und dem Land, in dem wir sind.

    Um 18 Uhr gehen wir zum Abendessen. Vorher versuchen wir noch, den Blog hochzuladen, doch das WLAN im Bereich der Rezeption erweist sich als zu langsam und unzuverlässig dafür. Na gut, schreiben wir erst einmal offline und verschieben das Hochladen ein weiteres Mal.

    Zum Essen gibt es Barbecue mit Springbock vom Grill und anderen Fleischsorten, dazu verschiedene Salate, Suppe und Beilagen, und sogar eine Käseplatte. Alles sehr lecker.

    In der Zwischenzeit haben wir uns auch an Salate herangetraut, die man ja normalerweise in südlichen Ländern wegen eventueller Keimbelastung eher meiden sollte. Nachdem wir aber gelernt haben, dass auch das Leitungswasser in Namibia unbedenklich ist, werden wir mutig und greifen an der Salatbar zu, ohne Beschwerden zu bekommen.

    Heute geht es zeitig ins Bett, um 20:30 wird geschlafen, denn morgen geht es wahrlich früh aus den Federn. Gute Nacht!

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